threads of time
ich sass strickend auf dem sofa im alten haus meiner grossmutter, als mein blick auf die bunten tüten fiel, die auf den regalen an der wand lagen. schon als kind hatte ich sie manchmal gemustert, aber nie genauer inspiziert. die seien schon ewig da, meinte mein vater, eigentlich sei es zeit, sie wegzuwerfen. ich erfuhr, dass meine verstorbene grossmutter hier ihre rohwolle aufbewahrt hatte. eine leidenschaftliche strickerin sei sie gewesen. die wolle, die ich entdeckt hatte, habe sie damals selbst auf dem bauernhof besorgt, sie in einer aufwändigen prozedur gewaschen und in tinkturen aus flechten, büten oder läusen gefärbt. anschliessend habe sie daraus selbst das garn für die pullover und jacken ihrer kinder gesponnen.
meine finger haben sich über die jahre an das stricken gewöhnt, an das stete spannen und wickeln des garns, das immer gleiche führen der nadeln. meine therapeutin hat einmal gesagt, ich bräuchte ein kreatives ventil für mein obsessives gehirn. damit es etwas greifbares vor sich habe, statt sich in sich selbst zu verhaken. selbstverständlich ging mein gehirn nicht davon aus, dass für seine gewichtigen probleme banale dinge helfen könnten. auf das experiment hat es sich trotzdem eingelassen, zur freude der restlichen beteiligten.

ihren vorrat versah meine grossmutter mit sorgfältig beschrifteten etiketten, da stand etwa „himmelblau 1984″. es berührte mich seltsam, in die verstaubten säcke zu greifen und dabei an die hände zu denken, die vor meinen dagewesen waren, die knotige wolle sorgsam entwirrt, in farbbäder getaucht und schliesslich beiseite gelegt hatten. was ging ihr durch den kopf, wenn sie damit arbeitete? warum betrieb sie diesen aufwand? die zeit schien wie konserviert in den wolligen beuteln und hatte doch eindeutige spuren hinterlassen. die fasern waren nach all den jahren brüchig und blass geworden.
ich hätte die begonnene arbeit gerne zu ende geführt und so quasi den kreis geschlossen. stattdessen besorgte ich mir einen frischen wollvorrat und brachte mir das spinnen bei. die relikte meiner grossmutter entsorgte ich irgendwann – das wissen um ihre werke ist geblieben.